Auch in Bayern hat inzwischen das neue Schuljahr gestartet und pünktlich haben auch die Ergebnisse der PISA-Studie in der Bildungslandschaft eingeschlagen. Auch die Beißreflexe verschiedener Gruppen und Einzelpersonen kamen verlässlich von „die Eltern sind schuld“, „die Lehrer sind schuld, „xy ist schuld“ etc. war alles dabei und dabei ist wohl vielen klar, die sich nicht nur mit Schwarz und Weiß beschäftigen, dass so eine Bildung ganz schön viele Ansatzpunkte hat.

Zum Glück wollte KI nicht den Politikern die Schuld geben, sondern den Poldikern. 😉

Daher mache ich mal eine Ausnahme und gehe von den üblichen Themen für tarifbeschäftigte Lehrkräfte zu einem bildungspolitischen Thema.

Was machen wir jetzt? Ein diffuses Feld an möglichen Einflussfaktoren plus viele internationale und nationale Studien gibt es ja. Ich habe einfach mal ChatGPT damit gefüttert und war überrascht über die Ansatzpunkte, die es geliefert hat. So überrascht – auf doch zum Großteil positive Art und Weise – dass ich es wert finde, den Antworttext hier unverändert zu posten et voila:

Ja – und ich würde die Frage tatsächlich nicht mit „mehr Geld für Schulen“ beantworten. Geld ist wichtig, aber Deutschland müsste vor allem anders priorisieren. Wenn das Ziel wirklich lautet „Deutschland zurück in die internationale Spitzengruppe“, würde ich ungefähr dieses Reformprogramm aufstellen:

1. Lesen, Schreiben und Mathematik radikal priorisieren

In den Klassen 1–6 müssten Basiskompetenzen Vorrang vor nahezu allem anderen haben.

Nicht:

„Wir behandeln noch dieses Kompetenzfeld.“

Sondern:

„Kann dieses Kind flüssig lesen, einen Text verstehen, schriftlich klar formulieren und mathematisch denken?“

Deutschland hatte 2022 immerhin 34 % unter dem mathematischen Mindestniveau und 32 % beim Lesen. (vbw)

Das bedeutet: Erst Fundament, dann anspruchsvollere Inhalte.


2. Früh anfangen – und zwar verpflichtend

Der größte Fehler wäre, erst in Klasse 5 oder 7 festzustellen, dass ein Kind kaum lesen kann.

Ich würde deshalb bundesweit:

  • Sprachstand mit 4–5 Jahren feststellen
  • bei deutlichen Defiziten verpflichtende Sprachförderung anbieten
  • Vorschule bzw. Kindergarten wesentlich stärker als Bildungseinrichtung verstehen
  • Grundschulen mit hohem Förderbedarf massiv besser ausstatten.

Deutschland hat zwar eine hohe Kindergartenquote, aber Besuch allein garantiert noch keine ausreichende Sprach- und Lernförderung. (OECD)


3. Die Schulen nach Bedarf finanzieren – nicht nach Schülerzahl

Eine Schule mit 500 Schülerinnen und Schülern in einem wohlhabenden Münchner Viertel braucht andere Ressourcen als eine Schule mit 500 Kindern, von denen ein großer Anteil kaum Deutsch spricht und aus bildungsfernen Haushalten kommt.

Deshalb:

„Gleiche Ausstattung“ abschaffen.

Stattdessen ein Sozialindex:

Je größer der pädagogische Problemdruck, desto mehr Lehrer, Sozialpädagogen, Förderstunden und multiprofessionelles Personal.

Das wäre vermutlich eine der wirksamsten Maßnahmen überhaupt.

Denn Deutschland gehört gerade bei der Kopplung von sozialer Herkunft und Leistung zu den problematischeren Bildungssystemen. (OECD Bildung GPS)


4. Lehrkräfte massiv entlasten – und dadurch Unterricht verbessern

Hier würde ich als Lehrer vermutlich einen ziemlich radikalen Schritt gehen:

Lehrer sollen wieder hauptsächlich Lehrer sein.

Also:

  • weniger Verwaltungsaufgaben
  • weniger Dokumentationspflichten
  • weniger Sitzungsinflation
  • weniger ständig wechselnde Projekte
  • weniger bürokratische Förderplanproduktion
  • dafür mehr Unterrichtsvorbereitung, Feedback und individuelle Förderung.

Und gleichzeitig:

mehr multiprofessionelles Personal.

Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Verwaltungskräfte, IT-Personal, Sprachförderkräfte etc. dürfen nicht auf dem Rücken der Lehrer eingespart werden.


5. Lehrerberuf wieder deutlich attraktiver machen

Nicht nur durch mehr Geld.

Entscheidend wären:

  • kleinere Klassen dort, wo sie wirklich notwendig sind
  • bessere Unterstützung bei schwierigen Klassen
  • weniger Bürokratie
  • bessere Berufseingangsphase
  • bessere Fortbildung
  • echte Aufstiegsmöglichkeiten
  • mehr pädagogische Unterstützung.

Und vor allem:

Schluss mit der Vorstellung, dass jeder Lehrer alles können und alles auffangen muss.

Der Lehrermangel ist nicht nur ein Personalproblem. Er ist ein Qualitätsproblem, wenn dadurch Unterricht ausfällt, fachfremd unterrichtet wird oder erfahrene Lehrer dauerhaft am Limit arbeiten.


6. Unterricht wieder stärker auf Wissen + Anwendung ausrichten

Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt.

PISA prüft nicht bloß auswendig gelerntes Wissen. Es prüft, ob Schülerinnen und Schüler Wissen anwenden, kombinieren, Probleme lösen und Texte verstehen können. (OECD)

Daraus folgt aber nicht:

„Wissen ist überflüssig, wir brauchen nur Kompetenzen.“

Im Gegenteil.

Ohne Wissen keine anspruchsvollen Kompetenzen.

Ein Schüler kann keinen komplexen historischen Text analysieren, wenn er kaum über historischen Kontext verfügt.

Ich würde deshalb wieder stärker auf diese Abfolge setzen:

Wissen → Üben → Anwenden → Transfer → Problemlösen


7. Mathematikunterricht grundlegend stärken

Deutschland hat ein besonderes Problem mit mathematischen Basiskompetenzen.

Ich würde:

  • Grundrechenarten konsequenter automatisieren
  • Brüche, Prozentrechnung, Größen und Algebra viel intensiver üben
  • weniger Themen pro Schuljahr behandeln
  • dafür diese wirklich beherrschen
  • regelmäßige kurze Diagnosearbeiten einsetzen
  • bei Defiziten sofort intervenieren.

Nicht:

„Wir sind jetzt mit dem Stoff durch.“

Sondern:

„80 % können es sicher – die anderen 20 % bekommen Unterstützung.“


8. Das deutsche „Sitzenlassen“ und „Aussortieren“ neu denken

Hier wird es politisch interessant.

Deutschland hat traditionell relativ viele Selektionsmechanismen.

Ich würde nicht einfach das Gymnasium abschaffen oder alle Schulformen vereinheitlichen.

Aber ich würde dafür sorgen, dass ein Kind nicht deshalb dauerhaft zurückbleibt, weil es mit 10 Jahren einmal auf dem falschen Leistungsniveau war.

Dazu gehören:

  • flexible Übergänge
  • spätere Entscheidungen, wenn möglich
  • bessere Durchlässigkeit
  • intensive Förderung statt bloßer Wiederholung.

Denn ein leistungsstarkes System muss Spitzenleistung und Aufholen gleichzeitig ermöglichen.


9. Ganztag nicht als „Betreuung bis 16 Uhr“ verstehen

Der Ganztag könnte ein enormer Vorteil sein.

Aber nur, wenn er tatsächlich Lernzeit schafft:

Unterricht → Mittag → Lernzeit → Förderung → Sport/Kultur

statt:

Unterricht → Betreuung → Hausaufgaben irgendwie erledigen.

Gerade Kinder aus bildungsfernen Familien könnten dadurch enorm profitieren.


10. Endlich einheitliche Bildungsstandards durchsetzen

Das ist der vielleicht typisch deutsche Punkt.

16 Länder können weiterhin unterschiedliche Bildungssysteme haben.

Aber bei den Basiskompetenzen sollte es wesentlich weniger Unterschiede geben.

Ich würde bundesweit verbindliche Mindeststandards definieren:

Ende Klasse 2: Das muss ein Kind können.
Ende Klasse 4: Das muss ein Kind können.
Ende Klasse 6: Das muss ein Kind können.
Ende Klasse 9: Das muss ein Jugendlicher können.

Und dann regelmäßig überprüfen.

Nicht zur Bestrafung der Schule.

Sondern:

Diagnose → Förderung → erneute Diagnose.


Und jetzt kommt meine etwas provokante These

Wenn Deutschland wirklich in die PISA-Top-10 wollte, würde ich nicht versuchen, Finnland, Singapur oder Japan zu kopieren.

Ich würde mir vielmehr die gemeinsamen Eigenschaften erfolgreicher Systeme anschauen.

Die Top-Systeme schaffen typischerweise drei Dinge gleichzeitig:

1. hohe Erwartungen
2. frühe und intensive Förderung
3. systematische Unterstützung schwacher Schüler

Und genau die Kombination fehlt Deutschland.

Wir diskutieren dagegen häufig über:

G8 oder G9?
Gymnasium oder Gesamtschule?
Digitalisierung?
Tablets?
Sitzenbleiben?
Hausaufgaben?
Kompetenzorientierung?

Das sind teilweise relevante Fragen – aber sie sind nicht der Kern des Problems.

Der Kern wäre für mich:

Jedes Kind muss bis zum Ende der Grundschule sicher lesen, schreiben und rechnen können. Wer das nicht schafft, bekommt sofort zusätzliche Ressourcen. Und gleichzeitig müssen leistungsstarke Schüler deutlich stärker gefordert werden.

Das wäre wahrscheinlich die wichtigste Änderung.

Und noch etwas Überraschendes: Mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere PISA-Leistungen sind kein Gegensatz. Die OECD zeigt ausdrücklich, dass mehrere sehr leistungsstarke Systeme zugleich relativ geringe soziale Leistungsunterschiede aufweisen. (OECD)

Wenn ich Deutschland auf fünf Reformen reduzieren müsste:

PrioritätReformWirkung
🥇Basiskompetenzen Klasse 1–6extrem hoch
🥈Frühe Sprach- und Lernförderungextrem hoch
🥉Ressourcen nach Sozialindexsehr hoch
4Lehrer von Bürokratie entlasten + multiprofessionelle Teamssehr hoch
5Verbindliche bundesweite Mindeststandards + regelmäßige Diagnostikhoch

Und Tablets wären bei mir ziemlich weit hinten.

Das Interessante daran ist: Ein großer Teil davon ließe sich sogar innerhalb des bestehenden deutschen Schulsystems machen. Man müsste nicht erst die gesamte Schulstruktur revolutionieren.

Uff, KI-Kritik hin oder her, aber da sind doch einige Sachen dabei, die ich persönlich komplett unterschreiben würde. Statt einfacher Schuldzuweisungen sollten wir die verschiedenen Ansatzpunkte vieleicht mal durchdenken. Das Beste dabei ist, das meiste davon kostet nichtmal Unsummen mehr. Jetzt muss „nur noch“ die Politik aktiv werden und zwar 16 mal.

Bis zum nächsten Mal, Euer Tariflehrer.

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