Allein die Zeit! Berufspolitisches Engagement! Jetzt!

Jahrelang habe ich selbst einfach nur meinen Job gemacht, und sind wir mal ehrlich: Wenn man das Referendariat hinter sich hat und in der realen Unterrichtswelt ankommt, hat man oft andere Sorgen, als sich um berufspolitisches Engagement Gedanken zu machen. Dann kommt irgendwann die Familienphase, und wieder zieht die gewerkschaftliche Arbeit den Kürzeren (Allein die Zeit!), und wie vorher hofft man, dass schon alles seinen geregelten Gang geht und man vom Arbeitgeber fair behandelt wird. Zur Absicherung unterstützt man auch den entsprechenden Verband oder eine Gewerkschaft mit Mitgliedsbeiträgen.

So oder so ähnlich geht es bestimmt den meisten tarifbeschäftigten Lehrkräften (TLs). Schließlich sind die allermeisten von uns ins Lehramt gestartet, weil sie den Beruf mögen, also gerne mit jungen Menschen arbeiten, die Vorzüge ihrer Fachrichtung vermitteln möchten und eine gewisse Flexibilität und gleichzeitig Sicherheit in den Arbeitsbedingungen (Teilzeitmöglichkeiten in der Familienphase – teilweise ungebundene Arbeitszeit, die man sich selbst einteilen kann – geregeltes Einkommen) schätzen. Und so vergehen die Jahre in einer zugegebenermaßen etwas einfältigen Naivität, dass sich schon alles zum Guten wendet.

Zwischendurch erlebt man dann die ein oder andere kleine Enttäuschung (ach so, der TV-L hat gar kein Zuschlagssystem wie der BAT), hört die Kollegen über Arbeitgeber und Verbände schimpfen („Die machen gar nichts für uns!“), schimpft selbst das ein oder andere Mal mit und stellt irgendwann fest: Um sich eine gesicherte Meinung zu bilden, fehlen einem viele Informationen, die es nirgendwo gesammelt an einem Ort gibt (auch hier nicht) und die man sich selbst zusammensuchen muss, auch wenn die Gewerkschaften und Verbände sehr hilfreich sind.

Allein die Zeit! Leider spielt sich der Alltag der allermeisten Lehrkräfte eben nicht, wie einfache Geister oder kalkulierend-populistische Politiker es (sich) vorstellen, innerhalb einer 23- bis 28-Dreiviertelstundenwoche ab. Die Unterschiede zwischen dieser Fiktion und der Realität könnten mehrere Blogbeiträge füllen, die vielleicht noch kommen werden, aber nicht heute.

Mein persönlicher Weckruf gestaltete sich mit dem Aufruf des von mir bisher (und immer noch) unterstützten Bayerischen Philologenverbands, einen Arbeitskreis für Tarifbeschäftigte zu etablieren, den ich neugierig und in einer leisen (oder doch eher lauten?) Vorahnung, dass angestellte Lehrkräfte in Bayern zu wenig organisierte Unterstützung erfahren, aufsuchte.

Zuvor hatte sich im Zuge der Dezentralisierungskampagne der Bayerischen Staatsregierung das Landesamt für Schule in Gunzenhausen gegründet, das nun vor allem für die zahlreichen Aushilfsverträge zuständig war, mit denen Jahr für Jahr angestellte Lehrkräfte die Lücken im System stopfen und das in der jetzigen Zeit des Lehrermangels eine umso wichtigere Funktion übernimmt.

Im Zuge meiner Teilnahme am Arbeitskreis habe ich viele interessante und für mich neue Informationen sammeln können. Der Austausch mit allen Teilnehmern im Arbeitskreis erwies sich als sehr hilfreich und bestätigte die Annahme, dass eben nichts „einfach so“ passiert oder sich gar verbessert, wenn sich nicht regelmäßiges Engagement für die Sache aufbauen lässt. Tatsächlich erweist es sich auch immer wieder als sehr schwer, neue Teilnehmer für den Arbeitskreis zu gewinnen. Allein die Zeit!

Mein Fazit aus diesen Betrachtungen: Verschiebt das berufspolitische Engagement nicht auf unbestimmte Zeit. Informiert euch, soweit möglich, mit den Veröffentlichungen eurer Verbände und Gewerkschaften und versucht vielleicht auch, eine aktive Rolle einzunehmen, indem ihr z. B. einem Arbeitskreis beitretet. Fragt in euren Geschäftsstellen nach, ob es etwas gibt, das euch anspricht. Kommt vorbei, lernt die anderen kennen, tauscht euch aus, findet heraus, wo der Stein des Anstoßes liegt, und schaut, was ihr machen könnt.

Die Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt, wenn sie aber niemand wahrnimmt, sind sie gar nicht vorhanden. Es ist auch auch häufig eher Lang- als Kurzstrecke, weshalb ein früher Zugang nicht schadet. Ich bin mir sicher, ihr werdet selbst davon profitieren – und andere auch, die eben die Zeit oder den Zugang gerade nicht finden.

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