Endlich Arbeitszeiterfassung! – Hurra?

Wer kennt das als Lehrer nicht. Das Wochenende gehört regelmäßig zur Arbeitswoche dazu, in einem Großteil der Ferien wird korrigiert, sowie vor- und nachbereitet. Erfasst wird das normalerweise nicht und letzte Studien haben ergeben, dass viele (aber nicht alle) Lehrkräfte über die Standard-40-Arbeitsstunden pro Woche kommen. 2022 hat aber das Bundesarbeitsgericht entschieden, dass Arbeitgeber verpflichtet sind, die Arbeitszeiten ihrer Arbeitnehmer zu erfassen – ab sofort.

Dem ersten Jubel von Gewerkschaften, deren Verpflichtung es ja auch ist auf Sicherheit und Gesundheitsschutz ihrer Mitglieder hinzuwirken, folgte eine etwas verhaltenere Reaktion im Lehrkräftesektor, denn es gibt hier besondere Problematiken, die vielleicht erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.

1. Haushaltsrecht: Der große Bremsklotz der Arbeitszeiterfassung

Ob Beamte oder Tarifbeschäftigte, die Gesamtpersonalkosten sind haushaltsrechtlich fix.
Damit entsteht selbst bei einer „perfekt“ erfassten Arbeitszeit kein zusätzlicher finanzieller Spielraum.

Das bedeutet:

  • Selbst wenn herauskäme, dass Lehrkräfte im Schnitt 50 Stunden arbeiten, würde der Dienstherr daraus nicht automatisch mehr Geld oder mehr Stellen ableiten.
  • Häufig wird stattdessen versucht, die Tätigkeiten zeitlich zu normieren, um mit dem vorhandenen Budget kompatibel zu bleiben.

2. Normzeiten führen fast zwangsläufig zu Pauschalierungen

Deutsch-Schulaufgabe, Mathearbeit, mündliche Prüfung, Praktikumsbetreuung – alles hat völlig andere Korrekturlasten und pädagogische Tiefen. Eine minutengenaue Erfassung könnte nur funktionieren, wenn der Arbeitgeber bereit ist, individuelle Unterschiede anzuerkennen.


Die Arbeitgeber-Praxis sieht eher so aus:

  • Man definiert „Durchschnittszeiten“, (aka ein schriftlicher Leistungsnachweis hat einen Normwert von 23,8 Minuten [Zahl frei erfunden]. Hat der Schüler unleserlich geschrieben? Ist die Gedankenstruktur eher wirr als stringent? Wird Multiple Choice oder Fließtext korrigiert? Das haben schlaue Köpfe schon schön in einen statistischen Durchschnitt hineingerechnet, der mit der Realität oft wenig zu tun hat.)
  • Man zieht diese Durchschnittszeiten über alle Fächer (Deutsch, Mathe, Biologie, Sport, Geographie – ist alles das Gleiche, weiß man doch)
  • und ignoriert die Varianz, die in der Realität massiv ist.

Lehrer*innen, die gründlicher, gewissenhafter, genauer arbeiten – werden nicht belohnt, sondern laufen Gefahr, „ineffizient“ zu wirken.

Es gibt Fächer, deren Arbeitsvolumen in Korrektur und Vorbereitung strukturell höher ist. Und es gibt Schularten, deren Arbeitsaufwände höher sind, zuletzt bestätigt in der Arbeitszeitstudie des Sächsischen Philologenverbands. Eine uniforme Zeitvorgabe kann das niemals abbilden.

3. Gefahr der Umkehrlogik: Wer länger braucht, ist ineffizient

Genau das ist ein reales Risiko. Wenn Arbeitszeit erfasst wird, aber der Output nicht bezahlt werden kann, entsteht eine implizite Erwartung:

„Schaff das bitte innerhalb der für alle festgelegten Zeit.“

Damit wird die Professionalisierung reduziert auf Taktung, nicht auf pädagogische Qualität.
Die Folge wären:

  • Druck zur Oberflächlichkeit
  • sinkende Qualität von Rückmeldungen
  • Verlust individueller Förderdiagnostik
  • Frustration bei allen, die gewissenhaft arbeiten wollen

Kurz: Man würde technische Effizienz über pädagogischen Anspruch stellen.

4. Was Arbeitszeiterfassung theoretisch leisten könnte – und warum es praktisch kaum passiert

Theoretisch könnte eine saubere Erfassung helfen:

  • verdeckte Mehrarbeit sichtbar zu machen
  • Belastungsspitzen zu belegen
  • Politik und Öffentlichkeit zu sensibilisieren
  • Stellenbedarfe realistischer zu planen

Damit das aber tatsächlich zu Verbesserungen führt, braucht es zwei Voraussetzungen:

  1. Der Dienstherr müsste bereit sein, die Ergebnisse anzuerkennen.
  2. Es müssten daraus Konsequenzen gezogen werden, die Geld kosten (mehr Stellen, kleinere Klassen, Entlastungsstunden).

Beide Bedingungen sind im deutschen Bildungssystem traditionell schwierig und 2025 erst recht. Eine reine Erfassung ohne systemischen Reformwillen führt eher zu zusätzlicher Kontrolle als zu Entlastung.

5. Echte Verbesserungen entstehen nicht durch Minutenwerte, sondern durch strukturelle Eingriffe

Wenn man wirklich entlasten will, müsste man an drei Punkten ansetzen:

a) Korrekturverpflichtungen reduzieren

Weniger schriftliche Leistungsnachweise, alternative Prüfungsformate, verbindliche Obergrenzen.

b) Verlässliche Entlastungsstunden für besonders korrekturlastige Fächer

Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte, Sozialkunde – nachweislich korrekturlastig und dennoch ungleich belastet.

c) Verwaltungsaufwand von Lehrkräften wegnehmen

Digitale Schulverwaltung, Sekretariat stärken, standardisierte Arbeitsabläufe. Die Stoppuhr im Hinterkopf ist kontraproduktiv.

Fazit

Eine minutengenaue Arbeitszeiterfassung führt nicht automatisch zu Verbesserungen.

  • Die haushaltsrechtlichen Deckelungen machen echte Anerkennung der Mehrarbeit unwahrscheinlich.
  • Die Gefahr einer Normierung, die am Ende zu Druck und Qualitätsverlust führt, ist hoch.

Ohne strukturelle Reform löst Arbeitszeiterfassung das Problem nicht – sie dokumentiert es nur.

Puh, ganz schön lang geworden diesmal. Es ist aber auch ein komplexes Thema. Dafür gibt es jetzt über Weihnachten und Neujahr eine kleine Blogpause. Ihr wisst schon: korrigieren und so…

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